Der Schatz vom Dachboden

Zur Geschichte des Fotofunds

Mehr als 2.000 Glasnegative des jüdischen Fotografen Abram Mittelmann wurden 1988 auf dem Dachboden eines Wohnhauses am Peterssteinweg 15 in der Leipziger Südvorstadt entdeckt — jahrzehntelang vergessen und teils zerstört. Die meisten Aufnahmen entstanden um 1930 und zeigen Gesichter von Frauen, Männern und Kindern, viele von ihnen jüdisch. Abram Mittelmann lebte und arbeitete von 1909 bis 1938 in dem Haus. Von vielen der Porträtierten sind Herkunft, Lebensweg und Schicksal bis heute unbekannt.

2022 wurden die Negative an Nadia Vergne, Enkelin Abram Mittelmanns, aus Privatbesitz zurückgegeben. Seitdem arbeitet eine Initiative aus Nadia Vergne, dem Stadtgeschichtlichen Museum Leipzig, dem Ariowitsch-Haus stellvertretend für die Israelitische Religionsgemeinde sowie dem Archiv Bürgerbewegung Leipzig e.V. gemeinsam an der Aufarbeitung des Bestands. Das Stadtgeschichtliche Museum hat 2023 alle Fotos digitalisiert und 2024 — gefördert durch die Stiftung Sächsische Gedenkstätten — in einer Online-Datenbank veröffentlicht.

Seit 2025 werden die Lebensgeschichten der Porträtierten systematisch erforscht und in der Datenbank dokumentiert. Ermöglicht wird dies durch die Ostdeutsche Sparkassenstiftung gemeinsam mit der Sparkasse Leipzig, die Stadt Leipzig sowie die Kulturstiftung des Freistaats Sachsen. Ab 2026 sind die Ergebnisse in einer Ausstellung und zahlreichen Vermittlungsangeboten öffentlich zugänglich.

Haus Peterssteinweg 15

Lfd Nr.: F/6902/2005

Das Bild zeigt eine Straße, sowie eine Hausfassade auf dem Petersteinweg 15 in Leipzig.

Schaufenster des Fotoatelier Mittelmann Peterssteinweg 15

Lfd Nr.: AM00005005

Die Familie Mittelmann erweiterte ihr Fotoatelier Anfang der 1920er Jahre um ein Ladengeschäft. Im Erdgeschoss des Peterssteinwegs wurden hier Kameras renommierter Hersteller und zugehörige Produkte verkauft. Damit konnten sie weitere Einnahmequellen generieren, zumal der Besitz einer Kamera nun für jedermann erschwinglicher wurde. Die Menschen waren nicht mehr auf ein Fotoatelier angewiesen. Noch 1937 war Mittelmann Vertragshändler des Herstellers Zeiss Ikon, Dresden.

Das Bild zeigt das Schaufenster des Fotoatelier Mittelmann Peterssteinweg 15

»Durch dieses großartige Erbe, das uns auf wundersame Weise erhalten geblieben ist, erhalten wir einen Einblick in das Leben der Einwohner Leipzigs — das Fotoarchiv meines Großvaters Abram Mittelmann, der von 1904 bis 1938 in Leipzig lebte. Vor dem bekannten historischen Hintergrund, nämlich dem Aufstieg des Nationalsozialismus, können wir die Geschichte in einer Art Mikrogeschichte neu betrachten, das heißt der Geschichte von Menschen in ihrem Umfeld. Eine lehrreiche Sammlung, die zum Nachdenken und Betrachten einlädt.« — Nadia Vergne

Der zufällige Fotofund ermöglicht erstmals, den porträtierten Menschen aus Leipzig — jüdischen wie nicht-jüdischen — ein Gesicht und einen Namen zurückzugeben. Ihre Biografien, kulturellen Leistungen und wirtschaftlichen Lebensgeschichten in der Weimarer Republik und unter der zunehmenden Ausgrenzung nach 1933 werden neu erzählbar.