Eine Recherche im Fotoarchiv Mittelmann Leipzig

Abram Mittelmann hatte sowohl die Glasplatten als auch die Schutzhüllen mit Nachnamen beschriftet. Im Fotoarchiv Mittelmann stellt sich damit immer wieder die Frage: Sind damit die Porträtierten gemeint? Können nicht auch Gäste der Stadt das Atelier aufgesucht haben? Tage später, der Besuch ist abgereist, holen die Ansässigen die Fotos ab. Ist dann deren Name gemeint?

In der Sammlung befindet sich das Foto einer älteren Dame: »Frau Prof. Kassewitz«. In den 1930er Jahren gab es eine Edith Kassewitz (Jg. 1905) in Leipzig. Sie war die Ehefrau von Prof. Dr. Simon Kassewitz, aber zu dieser Zeit ca. 30 Jahre alt. Unmöglich kann sie die abgebildete Person sein.

 

»Frau Prof. Kassewitz«?

Lfd Nr.: AM00001442

Zwei Studioaufnahmen einer älteren Frau im Dreiviertelprofil

Edith und Simon Kassewitz kamen 1933 mit ihrer dreijährigen Tochter Eva aus Pforzheim nach Leipzig. Simon Kassewitz hatte in Pforzheim als Lehrer gearbeitet und verlor 1933 als Jude seine Stelle im Staatsdienst. Die Leipziger Carlebach-Schule bot ihm die Möglichkeit einer neuen Anstellung als Englisch- und Französischlehrer. Edith pflegte ein sehr enges Verhältnis zu ihren Eltern in Kassel. Somit weilte ihre Mutter Sara Rosenbaum (1873 geb. Kayser) oft in Leipzig. Bei einer dieser Gelegenheiten gingen beide in das Mittelmann-Geschäft und es entstanden die überlieferten Fotos. Diese Aufklärung liefern die Lebenserinnerungen von Eva Kassewitz. Darin befindet sich ein Foto ihrer Oma. Sara Rosenbaum konnte 1939 mit ihrem Mann Paul nach Indien fliehen. Der Familie Kassewitz gelang im Juni 1939 die Ausreise nach Bolivien.